Schulcheck 2016

Anlässlich des Schulbeginns haben die Arbeitgeber Baden-Württemberg Schulformen sowie -inhalte bewertet und die Forderungen im "Schulcheck 2016" zusammengefasst. Zu den einzelnen Themen: Gymnasium G8 | Berufsorientierung | Ganztagsschulangebote | Informationstechnische Grundbildung | Gemeinschaftsschulen

Klar zum Gymnasium G8 bekennen

Zum Schuljahr 2004/2005 führte die damalige schwarz-gelbe Landesregierung unter Ministerpräsident Erwin Teufel das achtjährige Gymnasium (G8) flächendeckend in Baden-Württemberg ein. Seitdem gibt es aber immer wieder Stimmen aus Politik sowie Eltern- und Lehrerverbänden, die eine Wahlmöglichkeit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium (G9) fordern.

Durch die Verdichtung des Lehrstoffs bliebe den Jugendlichen bei G8 zu wenig Freizeit, argumentieren die Kritiker. Dies habe negativen Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden. Zudem würden außerschulische Bereiche wie das Vereinsleben unter der starken schulischen Einspannung der Schülerinnen und Schüler leiden, so die G8-Gegner.

Die Durchlässigkeit von Werkreal-/ Real-/ Gemeinschaftsschulen hin zum beruflichen Gymnasium bietet bereits heute eine attraktive Möglichkeit, die Hochschulreife in neun Jahren zu erwerben. So werden aktuell bereits 40 Prozent aller allgemeinen Hochschulzugangsberechtigungen in Baden-Württemberg an beruflichen Gymnasien erworben. Vor diesem Hintergrund wäre eine Wahlmöglichkeit zwischen allgemeinbildenden G8- und G9-Gymnasien schlicht überflüssig und zudem teuer.

Nach Auffassung der Arbeitgeber Baden-Württemberg sollte das allgemeinbildende Gymnasium daher ausschließlich in der achtjährigen Form angeboten werden. Die verfügbaren Ressourcen sollten besser für eine Erhöhung der Unterrichtsqualität eingesetzt werden, anstatt für einen zusätzlichen flächendeckenden Ausbau von G9-Gymnasialzügen.

Berufsorientierung mit Leben füllen

In Deutschland gibt es über 340 Ausbildungsberufe und mehr als 18.000 Studiengänge. Häufig fehlt den Schülern aber das Wissen darüber, was in einem Beruf konkret gefordert wird und wie der berufliche Alltag aussieht. Die Folge ist der hohe Anteil von Ausbildungsabbrüchen von bundesweit 24,9 Prozent.

An den Hochschulen sieht es ebenfalls nicht besser aus. Hier liegt die Zahl von Studienabbrüchen sogar bei knapp 30 Prozent im Bachelorstudium. Diese Zahlen zeigen, wie wichtig eine zielgerichtete Berufsorientierung schon an den Schulen ist.

Mit der „Leitperspektive berufliche Orientierung“ und dem eigenen Schulfach „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“ hat die Landesregierung eine Grundlage geschaffen, Berufsorientierung zum integralen Bestandteil individueller Förderung zu machen.

Bei der Umsetzung sind insbesondere die Gymnasien gefordert, denn hier ist das Thema zur Zeit noch unterrepräsentiert. Da heute fast die Hälfte eines Schülerjahrgangs auf dieser Schulart ist, muss hier dringend nachgebessert werden. Dabei kommt es entscheidend darauf an, die schulische Lernwelt mit außerschulischen Lern- und Praxiserfahrungen in der Wirtschaft zu verknüpfen. Die Arbeitgeber Baden-Württemberg bieten hier über das von ihnen getragene Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT eine Plattform für die Zusammenarbeit.

 

Ganztagsschulangebote breiter verankern

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist im Südwesten keine ganz einfache Aufgabe. Denn es mangelt an Ganztagsangeboten für den Nachwuchs. Während deutschlandweit im Schuljahr 2014/2015 rund 38 Prozent der Schüler der Klassen eins bis zehn eine Ganztagsschule besuchten, waren es in Baden-Württemberg gerade mal rund 21 Prozent.

Im Kindergartenbereich landete Baden-Württemberg mit einer ähnlich niedrigen Ganztagsquote sogar auf dem letzten Platz in ganz Deutschland. Angesichts des demografischen Trends ist es für die künftige Fachkräftesicherung im Südwesten aber unabdingbar, dass beide Elternteile verstärkt Vollzeit arbeiten. Das geht jedoch nur mit einer entsprechenden Ausstattung an Ganztagsplätzen.

Mit der Verankerung des Ganztagsschulangebots für Grund- und Gemeinschaftsschulen im baden-württembergischen Schulgesetz hat Baden-Württemberg einen ersten Schritt zu mehr Ganztagsbetreuung getan.

Nach Auffassung der Arbeitgeber Baden-Württemberg muss die Landesregierung nun aber auch die anderen weiterführenden Schularten gleichberechtigt in den Blick nehmen. Gymnasien, Real- und Werkrealschulen brauchen Rechtssicherheit, wenn es um die Einrichtung von Ganztagsschulangeboten geht. Denn neben einer verbesserten Vereinbarkeit von Schule und Beruf tragen Ganztagsschulen auch dazu bei, die Qualität der Bildung durch mehr individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen.

 

Informationstechnische Grundbildung aubauen

Smartphones, soziale Netzwerke und Apps: Kaum sind diese Medien in der Mitte der Gesellschaft angekommen, geistern schon wieder neue Schlagworte durch den Raum, die die einzelnen Facetten der Digitalisierung beschreiben. Plötzlich ist von Virtual Reality, Chatbots und Industrie 4.0 die Rede.

Die Digitalisierung schreitet voran und neue Medien beeinflussen immer mehr den Alltag der Gesellschaft. Während die Nutzeroberfläche dieser Medien meist noch mit überschaubarem Aufwand zu bedienen ist, steckt in den Backends hochkomplexe Technik, die ein hohes Maß an informationstechnischem Grundwissen erfordert. Experten, wie beispielsweise Telekom-Chef Timotheus Höttges, fordern deshalb Reformen im Schulsystem. „Programmiersprachen gehören in die Lehrpläne. Sie sind mindestens genauso wichtig wie Multiplizieren, Lesen und Fremdsprachen“, so Höttges.

Die Arbeitgeber Baden-Württemberg haben im Rahmen der Bildungsplanreform schon früh darauf hingewiesen, dass die ebenfalls wichtige Medienbildung alleine noch nicht ausreicht, um den dringend notwendigen Kompetenzaufbau in Informationstechnischer Grundbildung (ITG) und Informatik sicherzustellen.

Von Beginn an haben die Arbeitgeber ein verpflichtendes Stundenkontingent für die Informationstechnische Grundbildung in der Sekundarstufe I eingefordert. Denn nur so kann das Bildungsziel des mündigen „Informationsbürgers“ erreicht werden. Der nun vorgesehene Basiskurs in Klasse 7 und Wahlmöglichkeiten in den Klassen 8/9/10 bieten dafür einen guten Einstieg. Weitergehende Modelle mit einem höheren verpflichtenden Stundenanteil sollten auf der Grundlage der Erfahrungen mit dem neuen Modell geprüft werden.

Gemeinschaftsschulen evaluieren

Die ersten Gemeinschaftsschulen im Land sind im Schuljahr 2012/2013 gestartet. Diese Schulform war in der bildungspolitischen Debatte lange ein Zankapfel. Aber sie hat durchaus ihre Berechtigung: Gerade in ländlichen Regionen wird es mit Blick auf die sinkenden Schülerzahlen immer schwieriger, Schulklassen zu füllen.

Damit ist es auf Dauer unmöglich, drei Schulen an jedem Standort zu erhalten. Hier kann die Gemeinschaftsschule Abhilfe schaffen. Zudem eröffnet diese Schulform auch Chancen für mehr Ganztagesangebote, bessere Berufsorientierung und individuellere Lernförderung.

Letzteres wird auch in den Lernentwicklungsberichten sichtbar: Die Schüler erhalten differenzierte und kontinuierliche Rückmeldungen über ihre Leistung. Mit diesen Informationen lassen sich für Arbeitgeber beispielsweise Kompetenzen von Schülern viel besser erkennen, die bei klassischer Bewertung durch Schulnoten eher als „schwach“ eingestuft worden wären.

Die Qualität von Schulabschlüssen und Schulen ist für die Arbeitgeber von größter Bedeutung. Deshalb gilt es, diese neue Schulform hinsichtlich ihres Erfolges und ihrer Akzeptanz von einer unabhängigen Instanz evaluieren zu lassen.

Für die Arbeitgeber entscheidet sich die Qualität der Gemeinschaftsschule an folgenden Kriterien:

  • Verbesserung der Ausbildungsreife in Bezug auf die kognitiven und nicht-kognitiven Kompetenzen, Erreichen der Bildungsstandards
  • Wachsender Anteil von Absolventen mit mittlerem Bildungsabschluss
  • Höhere Anzahl an direkten Übergängen in Ausbildung und Beschäftigung
  • Nachweisbare Verbesserungen zur Auflösung des engen Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungserfolg
  • Sinkende Abbrecherquote
  • Aussagekräftige und gemessen an den anderen Schulformen mindestens vergleichbare oder bessere Leistungen
  • Akzeptanz bei Eltern und Lehrkräften
  • Qualitative Kriterien wie z. B. Zusammensetzung des Kollegiums, Fortbildungsaktivitäten, Unterrichtsqualität, etc.