Inklusion und Teilhabe am Arbeitsleben: Warum das Thema auf die Agenda eines jeden Unternehmens gehört

Berufliche Inklusion - Status quo

Die Teilhabe behinderter Menschen an Gesundheit, Bildung und Arbeit ist nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 ein Menschenrecht. Der Leitgedanke: Menschen mit Behinderung gehören von Anfang an mitten in die Gesellschaft. Dies beinhaltet auch, dass Menschen mit Behinderung besser auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ankommen. So sind deutsche Unternehmen mit 20 Mitarbeitern und mehr verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen.

Dass staatlich aufoktroyierte Ziele nicht immer Jubelschreie hervorlocken, ist klar. Wer muss schon gerne. Statt einer Prozentvorgabe wäre aus meiner Sicht ein anderes Herangehen denkbar gewesen: Aufklärung, Bewusstseinsbildung, Dialog. Sprich: Was ist, was kann, was soll Inklusion?

Sicherlich gibt es bei der Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen noch Luft nach oben. Dies zeigen die aktuellen Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft. So wurde in Deutschland die gesetzliche Quote von zuletzt 4,7 Prozent leider unterschritten. Bei uns in Baden-Württemberg waren es laut der Agentur für Arbeit 4,3 Prozent. Doch dürfte die „Dunkelziffer“ weitaus höher liegen, da eine Behinderung dem Arbeitgeber nicht angegeben werden muss und nicht jeder gerne mit seiner Behinderung „hausiert“.

Was bedeutet Inklusion?

Die Teilhabe behinderter Menschen an Gesellschaft, Bildung und Arbeit ist nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 ein Menschenrecht. Der Leitgedanke: Menschen mit Behinderung gehören von Anfang an mitten in die Gesellschaft. In der Behindertenrechtskonvention geht es also nicht mehr um die Integration von „Ausgegrenzten“, sondern darum, von vornherein allen Menschen die uneingeschränkte Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten zu ermöglichen. Die Bundesregierung will die Behindertenrechtskonvention mit dem Nationalen Aktionsplan 2.0 und dem Bundesteilhabegesetz umsetzen.

Wer gilt als behindert?

Gesetzlich verankert im Sozialgesetzbuch IX spielt der Grad der Behinderung („GdB“) eine entscheidende Rolle. Er ist das Maß für die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen einer Funktionsbeeinträchtigung aufgrund eines Gesundheitsschadens. Der GdB wird auf einer Skala bis 100 in Zehnerschritten vorgenommen. Von einer Behinderung wird ab einem Grad von 20 gesprochen. Schwerbehindert sind Menschen, wenn wenigstens ein GdB von 50 vorliegt. Diese Unterscheidung ist relevant, da Schwerbehinderten per Gesetz etwa ein besonderer Kündigungsschutz zusteht, und Zusatzurlaub.

Inklusion Arbeitsmarkt: Beschäftigung versus Ausgleichsabgabe

Und die Strafe folgt auf dem Fuße: Kommen Arbeitgeber der Behindertenquote nicht nach, müssen sie eine Ausgleichsabgabe zahlen. Eine Verpflichtung sowohl für private als auch Arbeitgeber der öffentlichen Hand. Und das kann ab einer bestimmten Unternehmensgröße teuer werden. Dass Firmen eher die Ausgleichsabgabe zahlen als Menschen mit Behinderung einzustellen, kann mit mehreren Faktoren zusammenhängen.

Ich beobachte zum Beispiel eine mangelnde Kenntnis über Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten, oft passt aber auch die Qualifikationsstruktur der Bewerber nicht mit dem Anforderungsprofil der Stelle zusammen. Das soll aber kein Vorwurf sein. Denn ein Unternehmer muss sich Fragen stellen wie: Inwieweit wirkt sich eine Behinderung auf die Leistungsfähigkeit eines Mitarbeiter aus? Ist der Mitarbeiter womöglich mit der ihm beauftragten Tätigkeit überfordert? Welche finanziellen Belastungen kommen auf einen zu? Was bedeutet Inklusion für die innerbetrieblichen Strukturen? Und wie reagieren die anderen Mitarbeiter?

Aber nach den Fragen möchte ich auch den Antworten eine Chance geben. Eine ist: Viele behinderte Mitarbeiter werden in der Berufspraxis als besonders gewissenhaft und motiviert wahrgenommen. Eine andere: Es können zwar finanzielle und strukturelle Belastungen auf das Unternehmen zukommen, aber es gibt viele Förderungen. So können Arbeitgeber finanzielle Unterstützung erhalten, zum Beispiel:

  • bei der Ausbildungsvergütung. Bei behinderten Menschen bis zu 60 Prozent, bei schwerbehinderten Menschen bis zu 80 Prozent.

  • einen Eingliederungszuschuss im Anschluss an eine abgeschlossene Aus- oder Weiterbildung

  • einen Zuschuss für eine Probebeschäftigung (3 Monate).

  • finanzielle Förderung zur Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungsplätze für schwerbehinderte Menschen.

  • einen Zuschuss zum Arbeitsentgelt (bis zu 70 Prozent).

  • einen Zuschuss für Arbeitshilfen im Betrieb (bis zu 100 Prozent der notwendigen Kosten für eine behinderungsgerechte Ausgestaltung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen).

  • Prämien zur Einführung eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM).

Durch die Erneuerung des Bundesteilhabegesetztes (BTHG) wurden die Fördergelder für eine bessere Inklusion in der Arbeitswelt noch einmal manifestiert: Am 1. Januar 2018 wurde eine dauerhafte, verlässliche finanzielle Förderung und Begleitung für Arbeitgeber mit dem "Budget für Arbeit" geschaffen. Diese Unterstützung fließt in das Arbeitsförderprogramm "Arbeit inklusiv". Zielgruppe sind behinderte Menschen nach §53 SGB XII.

Was besagt die Beschäftigungspflicht?

Private und öffentlich-rechtliche Arbeitgeber, die über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügen, haben laut Sozialgesetzbuch auf wenigstens 5 Prozent der Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Besetzt ein entsprechender Arbeitgeber diese Plätze nicht mit Schwerbehinderten, ist er zu einer monatlichen Ausgleichsabgabe verpflichtet.

Was bedeutet die Ausgleichsabgabe?

Die Ausgleichsabgabe beträgt seit 2016 zw. 125 und 320 Euro monatlich. Die Verpflichtung zur Zahlung einer Ausgleichsabgabe gilt sowohl für die privaten Arbeitgeber als auch für die der öffentlichen Hand. Das Gesetz berücksichtigt nicht, aus welchen Gründen der Arbeitgeber seiner Beschäftigungspflicht nicht nachgekommen ist, ob er daran ein Verschulden trägt oder nicht.

Teilhabe und Integration: Wer heute integriert, gewinnt morgen

Bleibt noch die Frage was Inklusion für das „Innenleben“ eines Unternehmens bedeuten kann? Da fällt mir einer unserer hiesigen Unternehmer ein: Jürgen Hahn, Geschäftsführer der Firma Reinert Kunststofftechnik in Bissingen an der Teck lebt bereits seit vielen Jahren Inklusion im eigenen Unternehmen vor.

Seit 1990 beschäftigt das Unternehmen Menschen mit Behinderung. Ein Zugang erfolgt bis heute über Praktika und unter intensiver Betreuung des Integrationsfachdienstes. 2006 installierte das Unternehmen zusätzlich mit den Werkstätten Esslingen-Kirchheim ein weiteres Integrationsmodell: Reinert stellte unentgeltlich Flächen und die gesamte Infrastruktur des Unternehmens für eine „Außenarbeitsgruppe“ zur Verfügung.

Heute arbeiten hier ca. zehn Menschen mit Behinderung – und sind voll in das Leben auf dem Werksgelände integriert. Entgegen der „Gründungs-Absichten“ wurden 2012 zwei Mitarbeiter aus dieser Gruppe bei Reinert fest angestellt. Neben dem personellen merkt man im Unternehmen aber noch einen Zuwachs anderer Art: Durch die Inklusion ist bei den Mitarbeitern ein sehr starkes Für- und Miteinander entstanden, was sich wiederum positiv auf die Gesamtleistung auswirkt.

Ein anderes Beispiel fällt mir aus dem angrenzenden Bundesland Rheinland Pfalz ein: Der Ludwigshafener Bürgersender OK-TV hat zwischen 2012 und 2016 die erste hörgeschädigte Mediengestalterin Bild & Ton erfolgreich ausgebildet. Eine zentrale Voraussetzung war die Zustimmung des Teams, die Inklusionsausbildung gemeinsam anzugehen. Das bedeutet auch zu verstehen, was Hörschädigung bedeutet und wie jeder Einzelne im Berufsalltag mit dieser Einschränkung umgehen soll und kann. An dieser Stelle wird meine eingangs erwähnte Sichtweise deutlich: Inklusion bedeutet nämlich Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Dialog – mit allen Beteiligten.

Inklusion betrifft auch bestehende Belegschaft

Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum Inklusion im Grunde auf die Agenda eines jeden Unternehmens gehört. Was viele nicht wissen ist, dass die meisten Behinderungen nicht von Geburt an bestehen. Und das Statistische Bundesamt bestätigt: nur bei rund drei Prozent der Schwerbehinderten trifft dies zu.

Behinderungen treten vielmehr bei älteren Menschen auf: Ende 2017 waren 77,4 Prozent der Schwerbehinderten 55 Jahre und älter, Tendenz steigend. Anders ausgedrückt: Die Zahl der Schwerbehinderten in Deutschland nimmt parallel zur Alterung der Gesellschaft zu.

Das Thema Wiedereingliederung nach Krankheit zum Beispiel wird also in den nächsten Jahren – insbesondere im Hinblick auf einen späteren Renteneintritt und damit verbunden eine alternde Belegschaft – immer relevanter werden, wenn es das nicht schon ist.

Hier habe ich auch wieder Zahlen: Bereits heute gibt es Unternehmen in Baden-Württemberg, bei denen bis zu acht Prozent der Mitarbeiter im Laufe ihrer Arbeitszeit erkrankten und seitdem einen Grad der Behinderung von 30 und mehr haben. Und sie sind alle noch Beschäftigt!

Und das Institut der deutschen Wirtschaft bescheinigt Baden-Württemberg eine besonders positive Bilanz: 40 Prozent der Menschen mit Schwerbehinderung arbeiten in den gleichen Jobs wie jene ohne Schwerbehinderung. Damit liegen wir auf Platz 1 bundesweit.

Inklusion und Arbeit - wie das gelingen kann

Natürlich kosten Veränderungen immer Kraft. Und man muss wissen, an wen man sich wenden kann, um Informationen und Unterstützung zu erhalten. Da es in den meisten Fällen eine Förderung nach Augenmaß ist, bleibt eine individuelle Beratung unerlässlich.

Deswegen wurde 2017 mit „Unternehmens-Netzwerk Inklusion“ das Nachfolgeprojekt von „Wirtschaft inklusiv“ gestartet. „Unternehmens-Netzwerk Inklusion“ hat, wie sein Vorgänger-Modell, das Ziel Unternehmen für die Beschäftigung und Ausbildung von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren und über mögliche Unterstützungsleistungen zu informieren – sei es beispielsweise im Rahmen einer individuellen Beratung, größer angelegter Info-Veranstaltungen oder des Online-Angebots „Beratungskompass Inklusion“.

Dabei wird in erster Linie die Zusammenarbeit der Unternehmen mit den Agenturen für Arbeit, den Integrationsämtern, der Rentenversicherung und weiteren Akteuren der Inklusion gefördert. Wie das konkret funktioniert, zeigt das nachfolgende Video.

Ich fasse zusammen: Inklusion ist längst kein „Gutmenschen“-Thema mehr, und auch keines, vor dem man angesichts der demografischen Entwicklung die Augen verschließen sollte.

Inklusion in Unternehmen ist gesellschaftspolitisch wünschenswert, betriebswirtschaftlich sinnvoll und volkswirtschaftlich notwendig. Und Inklusion wird in Unternehmen bereits heute schon praktiziert. 

Mein Rat: Packen Sie es an. Denn sei es durch neue Mitarbeiter oder die neue Positionierung bestehender Mitarbeiter: Inklusion ist heute schon ein wichtiger Baustein für die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens. Das Unternehmens-Netzwerk Inklusion hilft Ihnen dabei!

Autor

Thorsten Würth

Thorsten Würth ist seit 2012 zuständig für die Bereiche Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung bei den Arbeitgebern Baden-Württemberg. Zuvor war er elf Jahre beim Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft Fachberater für Schulprojekte. Würth ist überzeugt, dass Inkusion ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung darstellt und Arbeitgebern wie Beschäftigten Vorteile bringt.