Dick: „Rückkehr zum neunjährigen Abitur an allgemeinbildenden Gymnasien würde dazu nicht mehr passen“

Erstellt am: 04/20/2016

STUTTGART – Die Arbeitgeber Baden-Württemberg haben das, was bisher über die Vereinbarungen zur Schulpolitik in den Koalitionsverhandlungen von Grünen und CDU nach außen gedrungen sei, als „tragfähigen Kompromiss“ bezeichnet, der geeignet sei, ideologische Gräben in der Bildungspolitik zuzuschütten. Der aktuelle berichtete Gesprächsstand wäre weit mehr als die Verständigung auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, sagte Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber Baden-Württemberg, am Mittwoch in Stuttgart: „Es wäre nur konsequent, wenn die künftige Landesregierung nun auch auf jegliche Rückkehr zum neunjährigen Abitur an allgemeinbildenden Gymnasien (G9) verzichten würde. Denn dies wäre überflüssig, teuer und würde nicht mehr ins Gesamtkonzept passen.“

Aus Sicht der Arbeitgeberverbände ist der offenbar gefundene Kompromiss geeignet, die leidige Debatte über Schulstrukturen zu beenden und damit den Blick auf das Wesentliche, die Qualität des Unterrichts, zu lenken. Die wohl vorgesehene Schulstruktur entspreche den Vorschlägen der Wirtschaft: Ein Zwei-Säulen-System mit Gymnasien und einem zweiten Schultyp, der sowohl den mittleren als auch den Hauptschulabschluss anbiete und den Anschluss an gymnasiale Standards sicherstelle. „Mit der angekündigten Stärkung der Realschulen ist gewährleistet, dass diese ihr eigenständiges Profil entwickeln können und es hier keine einseitige Privilegierung der Gemeinschaftsschulen geben wird“, sagte Dick: „Gleichzeitig werden aber die bisherigen Reformen nicht schon wieder rückabgewickelt, auch den Gemeinschaftsschulen werden Entwicklungsperspektiven gegeben. Alles andere würde auch nur zu noch größeren Verunsicherungen bei Schülern, Lehrern, Eltern und der Wirtschaft führen.“

Den Arbeitgebern wäre es zwar lieber gewesen, die Koalitionäre hätten komplett darauf verzichtet, den Gemeinschaftsschulen die Möglichkeit zur Bildung eigener gymnasialer Oberstufen zu geben. Die Begrenzung auf maximal zehn Gemeinschaftsschulen sei jedoch ein Kompromiss, mit dem alle leben können müssten, so Dick: „Die Begrenzung stellt sicher, dass sich die Gemeinschaftsschulen nicht zur flächendeckenden Konkurrenz weiterführender beruflicher Gymnasien entwickeln – zumal die Zahl nicht einmal erreicht werden dürfte, da nicht genügend Gemeinschaftsschulen die Kriterien für eine eigene Oberstufe erfüllen.“

Mit den voraussichtlichen Plänen der Regierungskoalitionäre sei gewährleistet, dass neben dem achtjährigen Weg zum Abitur an allgemeinbildenden Gymnasien (G8) auch der bisherige gut funktionierende neunjährige Weg über den mittleren Abschluss – an Real- oder Gemeinschaftsschulen – und anschließendem beruflichen Gymnasium im Wesentlichen erhalten bleibe. Deshalb wäre es aus Sicht der Arbeitgeber Baden-Württemberg komplett systemwidrig, an allgemeinbildenden Gymnasien nun wieder zu G9 zurückzukehren oder dies als Wahlmöglichkeit anzubieten. „Das kostet nicht nur unnötig Geld, weil dafür zusätzliches Personal benötigt wird“, sagte Dick: „Es würde auch den anhaltenden Ansturm auf die Gymnasien verstärken. Dort würden durch die größere Leistungsheterogenität die Probleme wachsen. Und die zweite Säule des Schulsystems, die unter anderem den Nachwuchs für die duale Ausbildung und damit für die Fachkräftesicherung hervorbringen soll, würde geschwächt. Das kann nicht unser Interesse sein.“

Die Arbeitgeber erneuerten ihre Forderungen nach der geplanten Einführung des Faches „Wirtschaft und Berufsorientierung“ in allen Schularten, nach einem verbindlichen Stundenkontingent für informationstechnische und technische Grundbildung an den allgemeinbildenden Schulen und nach einer Übernahme der Ganztagesschule für alle Schularten im Schulgesetz. „Ein solches Gesamtpaket würde den Anforderungen eines leistungsgerechten und differenzierten Schulsystems gerecht werden“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände. Auf dieser Basis könne es auch gelingen, die anderen im Landtag vertretenen Parteien in einen parteienübergreifenden Schulfrieden einzubinden. „In Zukunft könnten wir uns im Land dann endlich darauf konzentrieren, in unseren Schulen die Qualität weiter zu verbessern und mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit zu schaffen“, sagte Dick: „Wenn es der künftigen Landesregierung damit gelänge, Baden-Württemberg einen bildungspolitischen Spitzenplatz zu sichern, wäre das ein großer Erfolg.“