Arbeitgeber und Lehrer fordern verlässliche Schulpolitik

Die Arbeitgeber Baden-Württemberg haben in der Diskussion um die Schulpolitik des Landes immer wieder darauf hingewiesen, dass in der Konzeption eines Zwei-Wege-Modells die etablierten Realschulen eine Perspektive brauchen. Mit dem jüngst dazu vorgelegten Konzept der Landesregierung wurde dieser Punkt endlich aufgegriffen.

Das ist im Grundsatz positiv, allerdings gilt es jetzt zu klären, wie sich die Realschulen unter Erhalt ihres Profils konkret weiterentwickeln können und welche Unterstützung sie brauchen. Dazu gehört auch, dass sich die Realschulen auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen und sich weiter entwickeln wollen. Deshalb haben die Arbeitgeber gemeinsam mit dem Verband der Lehrerinnen und Lehrern an Realschulen die beistehende Erklärung verfasst. Sie ist kein Plädoyer gegen Gemeinschaftsschulen, sondern ein starkes Plädoyer für eine gleichberechtigte Perspektive für die Realschulen.

 

Gemeinsame Erklärung der Arbeitgeber Baden-Württemberg und des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer an Realschulen (RLV) zur Weiterentwicklung der Realschule in Baden-Württemberg

Leitgedanke

Arbeitgeber BW und RLV sehen in Anbetracht gesellschaftlicher Veränderung die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Zwei-Wege-Modells für das allgemeinbildende Schulsystem aus dem Gymnasium (G8) und einem zweiten Weg, der den Hauptschulabschluss und den mittleren Abschluss als Regelabschlüsse anbietet und einen eigenen Weg zum Abitur aufzeigt (G9 mit berufli-chen Gymnasien). In diesem Rahmen muss die Realschule gleichberechtigt neben der Gemeinschaftsschule ihr eigenständiges Profil weiterentwickeln können. Um die Durchlässigkeit zu sichern, muss dieses Profil mit dem Realschulabschluss die Anschlussfähigkeit zu den gymnasialen Standards sichern. Mit den im Land stark ausgebauten beruflichen Gymnasien besteht bereits eine hervorragende Option des Anschlusses für alle Absolventen mit einem Realschulabschluss.

Erwartungen an das Landeskonzept zur Weiterentwicklung der Realschule in der zweiten Säule

Das von der Landesregierung vorgelegte Konzept zur Weiterentwicklung der Realschulen sichert den Bestand der Realschule und eröffnet ihr grundsätzlich die Perspektive, ihr bewährtes, anerkanntes und eigenständiges pädagogisches Profil neben der Gemeinschaftsschule weiterzuentwickeln. Damit das tatsächlich gewährleistet ist, sind folgende Punkte zu berücksichtigen:

1. Das differenzierte und eigenständige Profil der Realschule muss auch künftig gewährleistet werden. Differenzierung z.B. über ein Kurssystem muss als Unterrichtsprinzip in allen Klassenstufen als Instrument der individuellen Förderung möglich sein. Gleichzeitig sind vor dem Hintergrund wachsender Heterogenität von Lerngruppen die Elemente der Binnendifferenzierung in den Klassenstufen 5-8 weiterzuentwickeln. Durch eine entsprechende Ressourcenzuweisung für Realschulen soll die individuelle Förderung deutlich gestärkt werden.

2. Das Bildungsziel der Realschule muss der Realschulabschluss in der bisherigen Qualität als profilierter mittlerer Abschluss sein.  Das Angebot eines differenzierten Unterrichts auch auf Hauptschulniveau und die Möglichkeit einen Hauptschulabschluss zu erreichen, stellen eine qualitative Auffangoption dar. Damit kann jeder Schüler/jede Schülerin einen qualifizierten Schulabschluss auf direktem Weg erreichen. Die vorhandene Expertise von Hauptschul- und Werkrealschullehrerinnen und –lehrern im Umgang mit heterogenen Lerngruppen muss für die Realschule gewonnen werden.
Die Entscheidungen über das Lernniveau ab Klasse 7 und über den angestrebten Abschluss zu Beginn von Klasse 9 sind durch die Klassenkonferenz auf Grundlage des Leistungsstandes der Schülerinnen und Schüler zu treffen. Die Eltern sind dabei angemessen einzubinden.
 
3. Einheitliche Bildungsstandards innerhalb des zweiten Weges müssen im Rahmen von gemeinsamen zentralen Abschlussprüfungen für den Hauptschulabschluss und den Realschulabschluss nachgewiesen werden. Dies gilt neben dem Realschulabschluss auch für den mittleren Abschluss der Gemeinschaftsschule, beide Abschlüsse müssen gleiche qualitative Anforderungen erfüllen. Gleiches gilt für den Hauptschulabschluss, unabhängig davon, an welcher Schulart er erworben wird.

4. Realschulen und Gemeinschaftsschulen sind entsprechend den Anforderungen des jeweiligen pädagogischen Ansatzes vergleichbar auszustatten und zu finanzieren. Dies gilt auch für den Ausbau zur Ganztagesschule in der offenen und gebundenen Form.

5. Die Entscheidung für ein Schulprofil soll in Abhängigkeit von regionalen Anforderungen und im Verständnis von Selbstständiger Schule im Einvernehmen von Schulträger, Schulkonferenz und übergeordneter Schulbehörde getroffen werden. Nicht jedes Schulprofil ist zwingend in jeder Region vorzuhalten. Es sind die Bestimmungen zur regionalen Schulentwicklung zu berücksichtigen bzw. die Bestimmungen sind so anzupassen, dass eine Benachteiligung einzelner Profile von vornherein ausgeschlossen ist. Verbundlösungen sollten vor allem für den ländlichen Raum nicht ausgeschlossen werden.

Appell

Die Arbeitgeber Baden-Württemberg und der Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Realschulen (RLV) richten den dringenden Appell an die Politik, die andauernden Strukturdiskussionen zu beenden. Diese verunsichern Schulen, Eltern, Lehrkräfte und Unternehmen im Land. Wir fordern alle politisch Verantwortlichen auf, sich parteiübergreifend auf ein Zwei-Wege-Modell für die allgemeinbildende baden-württembergische Schullandschaft zu verständigen, in dem die ver-schiedenen Schularten zu vergleichbaren Bedingungen und unter den gegebenen regionalen Voraussetzungen ein eigenständiges Profil entwickeln können. Die Realschule mit ihrem bewährten Bildungskonzept muss dabei angemessen berücksichtigt werden.

Stuttgart, 09.03.2015