Ist flexible Arbeit prekäre Beschäftigung?

Teilzeitfalle, Befristungswahnsinn, Ausbeutung durch Minijobs und Leiharbeit - all diese Begriffe gehören zum Instrumentarium, mit dem Teile der Politik, Verbände und Gewerkschaften regelmäßig flexible Beschäftigungsformen problematisieren. In der negativ konnotierten Sprache heißt dies dann "prekäre" oder "atypische" Arbeit und meint im Wesentlichen alle Beschäftigungsformen, die vom selbst gesetzten Goldstandard, der unbefristeten Vollzeitanstellung abweichen.

Untermalt wird dies mit passendem Zahlenmaterial, bei denen Prozentberechnungen, Trends und Statistiken so lange hingebogen werden, bis sie die eigene Aussage zu stützen scheinen. Die Verteufelung dieser "atypischen" Beschäftigungsformen verkennt jedoch, dass es auch auf Arbeitnehmerseite gute Gründe für die Wahl flexibler Arbeitsformen geben kann:

Die
Mutter,...

... die hohen Stellenwert auf eine eigenständige Erziehung legt und in Teilzeit arbeitet, um länger für ihre Kinder da sein zu können -

prekär beschäftigt!

Der
Student,...

... der als Aushilfe beim Supermarkt um die Ecke arbeitet, um sich neben dem Studium etwas dazu zu verdienen -

prekär beschäftigt!


Der
ehemalige Langzeitarbeitlose,...

... der über Zeitarbeit sein täglich Brot verdient und wichtige Kontakte für seine berufliche Zukunft knüpft -

prekär beschäftigt!


Selbstverständlich sind die Beispiele nicht für alle Arbeitnehmer in diesen Beschäftigungsformen repräsentativ und trotz aller Erfolgsmeldungen gibt es auch am Arbeitsmarkt Herausforderungen wie z.B. die Bewältigung der Langzeitarbeitslosigkeit oder die Integration von Geflüchteten - wobei auch hier in Baden-Württemberg bereits beachtliche Erfolge erzielt wurden. Die Beispiele zeigen aber eines deutlich: Wie so oft im Leben ist nicht alles Schwarz oder Weiß. Und genauso wenig, wie die Lage am Arbeitsmarkt ausschließlich positiv ist, sind alle "atypischen" Beschäftigungen per se negativ zu werten.

Ausgehend von dieser Erkenntnis wollen wir dazu aufrufen, genau hinzuschauen, Sozialpopulismus zu entlarven und fragen deshalb: Wirklich prekär?

Frauen in Teilzeit: Gegen den eigenen Willen?

Eines der prominentesten Themen - insbesondere in Wahlkampfzeiten - ist das der Teilzeitfalle. Fakt ist, dass die Mehrzahl der in Deutschland registrierten Teilzeitstellen mehrheitlich von Arbeitnehmerinnen besetzt wird, und, dass rund die Hälfte aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in Baden-Württemberg in Teilzeit arbeitet.

Richtig ist, dass ein traditionelles Familienbild (Kindererziehung/Pflege von Familienangehörigen) für Frauen ein häufiges Motiv für die Annahme einer Teilzeittätigkeit ist. Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg fand in der Analyse des Mikrozensus 2015 jedoch heraus, dass Frauen auch ohne Kinder deutlich öfter eine Beschäftigung in Teilzeit suchen als Männer (siehe Grafik). Die höhere Teilzeitquote der Frauen ist also auch deren gewünschtem Beschäftigungsumfang geschuldet und nicht zwangsläufig der Diskriminierung der Arbeitgeber. Dass gerade Frauen gerne kürzer arbeiten wollen, zeigt auch eine Studie des IAB.

Fakt ist: Auch ohne familiäre Verpflichtung liegt der prozentuale Anteil der Frauen auf Arbeitssuche für eine Teilzeitstelle deutlich höher als der Anteil der Männer.


Frauen in Teilzeit

Zeitarbeit: Massenphänomen auf dem Arbeitsmarkt?

Auch das Thema Zeitarbeit ist regelmäßig auf dem Sprechzettel, wenn es darum geht, Stimmung zu machen. Suggeriert wird, dass Zeitarbeit ein Massenphänomen in Deutschland sei und von Arbeitgebern vor allem dazu missbraucht werde, um Stammarbeitskräfte zu ersetzen. Fakt ist: Die Anzahl der Zeitarbeitsstellen in Baden-Württemberg ist auf konstantem Niveau. Flexibel einsetzbare Arbeitskräfte sind gerade in Boomzeiten zum Ausgleich von Auftragspitzen dringend erforderlich.

Fakt ist aber auch, dass der Arbeitsmarkt generell eine Hochphase erlebt und ebenso zahlreiche "Normalbeschäftigungsverhältnisse" entstehen. Beim Blick auf die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit stellt man schnell fest, dass sich der Anteil der Zeitarbeit am Arbeitsmarkt seit Jahren kaum verändert hat - und sich mit unter 3% auf sehr überschaubarem Niveau befindet.

Fakt ist: Bei Zunahme von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen bleibt der Anteil der Zeitarbeit auf gleichbleibendem Niveau.

Minijobs: Rapider Anstieg?

Geringfügige Beschäftigungen bzw. Minijobs gelten als Möglichkeit, einen kleinen Verdienst zu erwirtschaften, ohne dafür die zeitlichen oder fachlichen Kapazitäten für eine umfassende Erwerbstätigkeit aufbringen zu müssen. Besonders beliebt sind sie bei Schülern, Studenten, Rentnern oder Ehepartnern, die das eigene Haushaltseinkommen aufbessern möchten. Entgegen des oft pauschal behaupteten  Anstiegs der Minijobstellen kann festgehalten werden, dass in Baden-Württemberg die Anzahl der Minijobs seit 2009 stetig sinkt.

Gab es im Jahresmittel 2009 etwa noch rund 770.000 Minijobs im Südwesten, waren es 2016 nur noch 733.000. Richtig ist zwar, dass die absolute Zahl der Minijobs gerade in der Zielgruppe der Rentner wieder leicht angestiegen ist. Die Haupterwerbsgruppe der Gesellschaft, also die Zielgruppe der 25-55 Jährigen tritt aber immer seltener eine geringfügige Beschäftigung an.

Fakt ist: Seit 2009 hat sich die Zahl der Minijobs im Südwesten um knapp 40.000 verringert.

Anzahl der Minijobs in Baden-Württemberg

Langzeitarbeitslosigkeit: Keine Chance auf Beschäftigung?

Läuft es gut am Arbeitsmarkt, häufen sich reflexartig die Stimmen, die das Haar in der Suppe suchen und darauf verweisen, dass Langzeitarbeitslose kaum oder gar nicht von der guten Lage profitieren. Nüchtern betrachtet haben diese Stimmen nicht ganz Unrecht – die Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit gehört zu den zentralen Herausforderungen der Arbeitsmarktpolitik, ist aber nicht neu.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Oft liegen bei diesen Personen gleich mehrere Vermittlungshemmnisse vor oder ihr Qualifikationsniveau genügt schlicht nicht den Anforderungen der freien Arbeitsstellen.

Aber: Die derzeitige sehr gute Arbeitsmarktlage bietet beste Voraussetzungen, auch Langzeitarbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Dafür werden jedoch erhebliche Anstrengungen und besondere arbeitsmarkpolitische Instrumente wie z.B. der in Baden-Württemberg mit Erfolg umgesetzte Passiv-Aktiv-Transfer nötig sein. Das geplante Teilhabenchancengesetz, das neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose vorsieht, gleicht dagegen einer Förderung nach dem Gießkannenprinzip.

Richtig ist aber auch, dass bereits heute zahlreiche Langzeitarbeitslose von der guten Arbeitsmarktlage profitiert haben. Lag die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Jahr 2014 noch bei rund 70.000 Menschen, so waren es im Mai 2017 nur noch 63.000 Betroffene – ein Trend, der Mut machen sollte.

Fakt ist: Seit 2014 ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Baden-Württemberg um mehr als 10.000 zurückgegangen.

Ansprechpartner

Thorsten Würth

Thorsten Würth
Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung
Telefon: 0711/7682-118 
Mail: wuerth@agv-bw.de

Thorsten Würth ist seit 2012 zuständig für die Bereiche Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung bei den Arbeitgebern Baden-Württemberg. Zuvor war er elf Jahre beim Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft Fachberater für Schulprojekte