Diversity Matters

Warum Vielfalt vereint und unser Mindset sich ändern muss!

Die demografische Entwicklung, der Wertewandel und die Globalisierung machen interkulturelle Vielfalt heutzutage zu einem unverzichtbaren Bestandteil unserer Welt. Spätestens in den 90er Jahren dürfte der Begriff Diversity fest verankert worden sein in unseren Wörterbüchern und Lexika. Für mich persönlich ist Diversity aber mehr als eine Definition, ein Trend oder eine Strategie. Es ist eine Haltung!

Meine Überzeugung:

Jeder Mensch ist mit seinem Wissen und seiner Erfahrung, seiner Kreativität, seinem Geschick und seiner Empathie für unsere Gesellschaft wichtig, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts, gleich welcher Religion. Er verdient daher Anerkennung und Respekt.

by Marion Johannsen

Für unsere Zukunft und für eine weitere gute Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft kommt es auf eine gute Gemeinschaft an, auf einen starken Zusammenhalt aller Bürgerinnen und Bürger, aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Unternehmen. Unser Land, unsere Unternehmen mit ihren Beschäftigten und Produkten genießen weltweit höchste Wertschätzung. Diese Wertschätzung ist unser aller Verdienst. Und sie ist unser Erfolgsfaktor. Deshalb müssen wir sie bewahren. Lernen wir also voneinander, gehen wir höflich und respektvoll miteinander um, gehen wir aufeinander zu und sichern wir uns dadurch den weiteren Erfolg!

Multikulti in BaWü: Nationen

50

SPEDITION & LOGISTIK

199

HOTELS & GASTSTÄTTEN

15

LAND- & FORSTWIRTSCHAFT

12

KfZ-Gewerbe


Was ist Diversity? Geschichte und wichtige Dimensionen

Diversity ist Wikipedia zufolge das Resultat aus dem Kampf der US-Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus der späten 1950er und 1960er Jahre. Es galt, die Chancengleichheit für benachteiligte Gruppen, insbesondere für Afro-Amerikaner herzustellen.

Ende der 1990er Jahre wurde Diversity auch von der Europäischen Union als Leitbild verwendet – übersetzt und interpretiert als Vielfalt im Hinblick auf Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion und Weltanschauung, Alter, körperliche und geistige Kapazitäten.

Im Fokus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion stand zunächst das Thema Gender Diversity. Hintergrund hier waren der sich abzeichnende dramatische demografische Wandel – Stichwort sinkende Geburtenraten –, der drohende Fachkräftemangel, vor allem aber die zunehmende Qualifizierung von Frauen.

Letzteres, nämlich die Frauenförderung, wird in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft noch heute extensiv und häufig äußerst kontrovers diskutiert. Die Akteure setzen sich mit den Gründen der Berufswahlentscheidungen von jungen Frauen und Männern auseinander. Einschlägige sozialversicherungs- und steuerrechtliche Besonderheiten, etwa Familienversicherung und Ehegattensplitting, werden immer wieder neu beleuchtet, ebenso wie psychologische und soziologische Argumente.

In der Gesellschaft tief verwurzelt sind immer noch Vorbehalte gegen „working moms“. Divergenzen zwischen berufstätigen Frauen und Familienfrauen sind auch heute noch virulent. Immer noch besteht ein äußerst facettenreiches Spannungsfeld Männer versus Frauen im Beruf. Bezeichnend ist das jüngste „Revival“ durch die causa Damore vs. Google: Der Entwickler Damore hatte den „Diversity-Kult“ bei Google angeprangert und argumentiert, die Erklärung für den Mangel an Frauen in Technologieunternehmen wie Google liege womöglich nicht nur in der Voreingenommenheit und Diskriminierung, sondern auch in biologischen Differenzen zwischen den Geschlechtern“ (s. FAZ, 2./3. September 2017,S. C1).

Die Folge war zwar seine Kündigung. Dieses Beispiel zeigt aber, wie unterschiedlich die Einstellungen zum Thema Diversity sind und wie notwendig ein Change in der Gesellschaft ist. Diese Aussage verdeutlicht nämlich eines sehr deutlich: Der gesellschaftliche Mindset muss sich nachhaltig ändern. Und das nicht nur mit Blick auf die Frauenförderung, sondern hinsichtlich aller Dimensionen der Diversity. Denn Chancengleichheit bedeutet Chancen für alle!

Gesetze der Diversity

Das Thema Diversität wird in einem breiten Spektrum flankiert durch den europäischen und deutschen Gesetzgeber. Zahlreiche Gesetze wurden in den letzten Jahrzehnten auf den Weg gebracht, u.a.:

  • Rechtsanspruch auf Kindegartenplatz

1996 wurde jedem Kind ab dem vollendeten 3. Lebensjahr bis zur Einschulung ein Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII, Artikel 1) gewährt. Ab 2013 haben Kinder schon ab Vollendung des 1. Lebensjahres bis zum 3. Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege.

  • Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)

Seit 2006 sind in der deutschen Gesetzgebung die Aspekte der Vielfalt im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz berücksichtigt. Sie schützen Personen aus diesen Kategorien vor Diskriminierung. Der deutsche Gesetzgeber setzte damit vier europäische Richtlinien aus den Jahren 2000 bis 2004 um, u.a. die Antirassismus-Richtlinie und die Gender-Richtlinie, die zum Ziel hatte, den Grundsatz der Gleichbehandlung von Männern und Frauen hinsichtlich des Zugangs zur Beschäftigung, zur Berufsbildung, zum beruflichen Aufstieg sowie in Bezug auf die Arbeitsbedingungen zu realisieren.

  • Unterhaltsrecht

2008 änderte der deutsche Gesetzgeber das Unterhaltsrecht grundlegend: Von großer Bedeutung insbesondere für geschiedene Mütter war die grundsätzliche Befristung des Betreuungsunterhaltes auf drei Jahre und der Verweis auf Möglichkeiten der Kinderbetreuung und die Pflicht zur eigenen Erwerbstätigkeit.

  • Frauenquote

Mit dem Gesetz zur Frauenquote gilt seit 1. Januar 2016 die feste Geschlechterquote von 30 Prozent für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen (Eine Frauenquote von 50% war bei der Parteigründung der Grünen schon 1979 beschlossen worden).

  • Entgelttransparenzgesetz

Im Mai 2017 hat der Bundesrat das Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen gebilligt. Ziel des Gesetzes ist, das Gebot des gleichen Entgelts für Frauen und Männer bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit durchzusetzen.

Outlook: Cultural Diversity

Breiteren Raum wird künftig Cultural Diversity, Vielfalt im Hinblick auf ethnische und soziale Herkunft, auf Religion und Weltanschauung einnehmen. Sie ist bereits angesichts der Herausforderungen des aktuellen Flüchtlings- und Asylszenarios im Brennpunkt von Politik und Öffentlichkeit. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland, aber auch mit Blick auf globale Wanderungsbewegungen wird sie künftig weiter in den Fokus der öffentlichen Diskussion rücken.

Wanderungsbewegungen haben in der Geschichte Europas nicht nur durch die Schrecken von Kriegen, politischen Auseinandersetzungen und wirtschaftlicher Not stattgefunden, sondern sie wurden auch ausgelöst von den Bedarfen starker Arbeitsmärkte. Seit den 1950er Jahren kamen etwa über 2,5 Millionen Menschen aus Polen in die Bundesrepublik, Aussiedler aber auch politische Emigranten der Solidarnosc-Zeit. Im Jahr 2015 hatten in Deutschland 17,1 Millionen Menschen oder 21 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Regelmäßig kommen Erntehelfer/Saisonarbeitskräfte aus den europäischen Nachbarländern etwa zur Spargelernte. Arbeitskräfte, auf die Verlass ist, und auf die man nicht verzichten kann und möchte. Ein weiteres Beispiel: Allein im baden-württembergischen Gaststättengewerbe sind 199 Nationen vertreten. Hätten wir keine Vielfalt in diesen Betrieben, blieben wohl viele Küchen kalt.

In Stuttgart leben inzwischen Menschen aus mehr als 170 Nationen. Das Zusammenleben mit diesen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ist Normalität. Sie arbeiten in den örtlichen Industriebetrieben, in Kliniken, in Diensten von Stadt und Land. Sie bieten als Selbständige Dienstleistungen an, etwa als Rechtsanwälte, Ärzte oder Köche. Sie sind im Ehrenamt aktiv, in Sport- und Musikvereinen, in Parteien und in der Politik. Wir alle genießen diese interkulturelle Vielfalt und deshalb ist sie auch für die Wirtschaft unabdingbar. Wir haben nachgefragt - lesen Sie selbt! 

Nachgefragt: "Diversity ist für mich ...


… Voraussetzung für eine lebendige und erfolgreiche Hotellerie und Gastronomie“

Fritz Engelhardt, Vorsitzender DEHOGA Baden-Württemberg


… ein Stück gelebtes Europa - im Kfz-Gewerbe wird nicht gefragt, woher jemand kommt, sondern was er kann, und wohin er will!"

Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer Kfz-Gewerbe Baden-Württemberg Ipsum


... und unsere Gartenbaubetriebe unverzichtbar."

Thomas Vohrer, Geschäftsführer Gartenbauverband Baden-Württemberg-Hessen


… das konfliktfreie und bereichernde Zusammenleben von Menschen unter-schiedlicher Kulturen und Anschauungen unter Beachtung der im jeweiligen Land geltenden etablierten Lebensbedingungen.“

Stefan Brötz, Geschäftsführer Verband Spedition & Logistik Baden-Württemberg

Diversity = voneinander lernen!

Seit Aufkommen von Diversity wurden Gesetze auf bundes- und europäischer Ebene verabschiedet, viele Unternehmen führten Diversity Management ein und setzen inzwischen die Erkenntnisse aus Wissenschaft und öffentlicher Diskussion erfolgreich um. Ich persönlich bleibe jedoch dabei: Ohne das Einstehen für das Thema Diversity, ohne eine grundlegende Veränderung des Mindsets in der Gesellschaft, bleiben viele gut gemeinte Taten erfolglos. Denn was bringt ein Gesetz zur Frauenquote, wenn die Quote und leider immer noch nicht die Leistung im Fokus steht? Und verändert das den Mindset der Gesellschaft nachhaltig? Und was bringt ein Entgelttransparenzgesetz, das überflüssige Bürokratie erzeugt, aber die Lohnlücke nicht schließt?

Ich bin überzeugt: Die Herausforderungen der Globalisierung können wir effektiv und gut nur annehmen, ihre Angebote für unsere Wirtschaft und Gesellschaft nur sinnvoll nutzen, wenn wir unseren Partnern Respekt und Anerkennung entgegenbringen, wenn wir bereit sind, mit ihnen zu kommunizieren und von ihnen zu lernen.

Vor dem Hintergrund zahlreicher Begegnungen und Gespräche im Rahmen vieler dienstlicher und privater Auslandsaufenthalte, angesichts der herzlichen Aufnahme in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern, angesichts eines tragfähigen Netzwerkes mit in- und ausländischen Kollegen ist Cultural Diversity für mich essentiell, ein Muss für eine positive Gestaltung unserer Zukunft.

Vorzeigebeispiele in der realen Welt finden wir in ausländischen sachkundigen Einwohnerinnen und Einwohner zur Genüge, z.B. im Internationalen Ausschuss des Gemeinderates der Stadt Stuttgart.

Aber auch hochengagierte Arbeitnehmer, wie z.B. die Mitglieder des Türkischen Forums bei Bosch, konzipieren Hinweise und Erläuterungen türkischer Gebräuche, Feste usw.. Beeindruckend ist ihr nicht nachlassender Einsatz für die interkulturelle Verständigung, Integration, Weiter- und Fortbildung ausländischer Mitarbeitenden bei Bosch.

Lassen Sie uns voneinander lernen und aufeinander zugehen. In unserer heutigen interkulturellen Welt haben Hybris und Arroganz keinen Platz – sie sind völlig kontraproduktiv!

Autorin

Marion Johannsen lebte nach ihrer Ausbildung zur Volljuristin u.a. in Frankreich, Großbritannien und Brasilien. Seit 20 Jahren verantwortet sie bei den Arbeitgebern Baden-Württemberg das Thema Diversity und netzwerkt überdies auch für den Metallarbeitgeberverband Südwestmetall. Sie ist eine der 122 Spitzenfrauen im Land, die auf obersten Führungsebenen arbeiten.

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