Zukunftsweisend? Qualifizierungschancengesetz und Qualifizierungsverbünde

Wir alle wissen es bereits: Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt immens. So stellt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW, 2018) fest, dass viele Berufsbilder, wie wir sie heute kennen, wegfallen werden. Jedoch nicht ersatzlos: Zeitgleich werden viele neue Jobprofile entstehen! Zahlreiche andere Studien bestätigen diese Aussage im Grundsatz. Wer sich also gut auf den digitalen Wandel vorbereiten will, der investiert in die (eigene) Weiterbildung.

Dabei müssen zum einen natürlich Geringqualifizierte ins Boot geholt werden: Denn gerade – oder ausgerechnet – sie nehmen relativ selten an Bildungsmaßnahmen teil. Aber es geht längst nicht nur um diese Berufsgruppe: Die Zeiten, in denen man nach einem Hochschulstudium bis zur Rente dem einen Job nachgehen kann, sind passé. Das heißt konkret: Auch Fachkräfte und Akademiker müssen bereit sein, sich kontinuierlich mit Veränderungen der Arbeitswelt auseinanderzusetzen. Viel zu dynamisch schreitet die Digitalisierung voran.

Qualifizierungschancengesetz: Richtig, aber ...

Mit einem neuen Gesetz hat die Politik nun auf diese Thematik reagiert. Namentlich handelt es sich dabei um das Qualifizierungschancengesetz, das 2019 in Kraft getreten ist. Es besagt unter anderem: Jeder Arbeitgeber wird unterstützt, wenn es darum geht, seine Mitarbeiter zu qualifizieren.  

 Da sagen wir von Arbeitgeberseite natürlich erst einmal: Danke. Alles, was den Unternehmen hilft, ihre Mitarbeiter – und damit auch ihren Betrieb – zukunftsfähig zu machen, ist uns willkommen. Und ein Gesetz, das speziell auf das Thema Digitalisierung hin fördert, ist uns wesentlich lieber als ein Bildungszeitgesetz, das auch die Yogalehrer-Ambitionen der Mitarbeiter abdeckt...

Aber weiter im Text: Wenngleich ich es begrüße, dass es nun diese Unterstützungsleistung gibt – die Hauptaufgabe liegt erst einmal darin, die Arbeitnehmer zu einer Weiterbildung zu motivieren. Denn eine Pflicht auf Weiterbildung gibt es ja nicht.

Ein zweites Manko: Derzeit existieren noch nicht so viele Maßnahmen, die langfristig fit für die digitale Arbeitswelt machen und die auf die besonderen Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sind. Offen ist zudem, ob auch hochpreisige Qualifizierungsmaßnahmen – zum Beispiel im akademischen Bereich – bezuschusst werden können. Denn: In der Vergangenheit waren diese Art von Maßnahmen in der Förderkulisse der Bundesagentur für Arbeit nicht berücksichtigt.

Erkennbar ist dies am sogenannten Bundesdurchschnittskostensatz, dem BDKS. Dieser beschreibt den gesetzlichen Durchschnittswert dafür, wie viel eine Fortbildungsstunde pro Teilnehmer kosten darf. Dieser Durchschnittswert setzt sich bisher jedoch vor allem aus „günstigeren“ Kursen zusammen. Das soll nicht heißen, dass diese qualitativ minderwertig waren. Sie hatten jedoch eine andere Zielgruppe im Fokus.  

Nun ist uns aber klar, dass Kurse, die für den digitalen Wandel fit machen sollen, Menschen jeder Qualifizierungsebene abholen müssen. Und damit sind sie auch teurer als die allermeisten der bisherigen Fortbildungskurse: So muss man nun vermehrt mit Hochschulen zusammen arbeiten und Referenten mit einem höheren Tagessatz verpflichten...

Qualifizierungschancengesetz: Wer wird wie gefördert?

Abgesehen davon bietet das neue Gesetz aber sehr viele positive Aspekte. Allen voran die finanzielle Förderung. So deckt, je nach Unternehmensgröße, die Bundesagentur für Arbeit einen Teil der Weiterbildungs- und Lohnfortzahlungskosten ab. Am meisten profitieren an dieser Stelle Kleinunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten: Für sie können beispielsweise die Kosten für die Weiterbildung komplett, die Lohnfortzahlungskosten bis zu 75 Prozent übernommen werden.

#

Förderungen Qualifizierungschancengesetz

Qualifizierungschancengesetz: Was wird gefördert?

Gehen wir einmal davon aus, dass Sie als Gerätehersteller Ihren Industriemechaniker in Richtung Elektrotechnik weiter entwickeln wollen. Oder Sie sind Automobilhersteller und wollen den Sprung vom Verbrennungsmotor in Richtung Brennstoffzelle machen, und dementsprechend Ihre Ingenieure weiterbilden. Dann gibt es folgendes zu beachten:

  • Es werden nur Mitarbeiter gefördert, deren Berufsausbildung mindestens vier Jahre zurückliegt.
  • Der Abstand zwischen zwei Weiterbildungen muss mindestens vier Jahre betragen.
  • Weiterbildungen, die einem Aufstieg dienen (z.B. Meister, Techniker oder auch der Masterabschluss) werden nicht gefördert.
  • Die Weiterbildung muss extern von einem dafür zugelassenen Bildungsträger durchgeführt werden oder im Unternehmen selbst, sofern sie von einem externen Dienstleister angeboten wird.
  • Die Weiterbildungsmaßnahme muss mehr als 160 Stunden dauern.

Von der Theorie zur erfolgreichen Praxis: so geht’s!

Nun kennen Sie also die Fakten, die Rahmenbedingungen, kurz: die Theorie. Kommen wir jetzt zur Praxis. Es ist meiner Erfahrung nach nicht ganz einfach heraus zu finden, welche Maßnahmen es bereits gibt, welche ideal wären, wie ich diese in meinen Unternehmensablauf integriere und welche Fördermöglichkeiten von mir in Anspruch genommen werden können.

Da diese Herausforderungen auf viele Unternehmen gleichermaßen zukommen und nicht jedes Unternehmen diese allein bewältigen kann, möchten wir und unsere Partner mit den so genannten Qualifizierungsverbünden (QV) eine gemeinsame Plattform anbieten. So haben die Verbände Südwesttextil und Südwestmetall im Sinne ihrer Mitgliedsunternehmen das hiesige Bildungswerk (BIWE) mit einem Pilotprojekt beauftragt. Ziel ist es ab Juli 2019 zunächst für die genannten Branchen Verbünde zu etablieren, in denen Unternehmen gemeinsam das Thema Digitalisierung und Weiterbildung angehen können. Unterstützt wird das Vorhaben vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium und der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit.

Für Sie und Ihr Unternehmen bedeutet das konkret:

  1. Durch den QV wird ein Einstieg in Schulungen und/oder Ausbildung ermöglicht (z. B., wenn vorher aus Kosten- oder Kapazitätsgründen nicht geschult/ausgebildet wurde).
  2. Sie haben einen minimalen Aufwand bei der Organisation von Qualifizierungsmaßnahmen und -konzepten.
  3. Die Schulung im QV erhöht die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Betriebe.
  4. Effiziente Auslastung der Ressourcen in den Betrieben durch deren gemeinschaftliche Nutzung.
  5. Schaffung zusätzlicher (Aus-)Bildungsmöglichkeiten im QV.
  6. Bewältigung der Herausforderung Digitale Transformation.
  7. Aktiver Beitrag zur Stärkung und Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit. sowie der Beschäftigungsfähigkeit aller Mitarbeiter.
  8. Best Practice und Benchmark von dem QV angeschlossenen Unternehmen wird für alle Beteiligten nutzbar.

Gemeinsam stark: die Qualifizierungsverbünde

Ich weiß aus meinen Gesprächen mit vielen Unternehmensvertretern, dass das Thema Digitalisierung und der damit einhergehende Wandel für Unsicherheit und manchmal sogar eine gewisse Lähmung sorgen. Deswegen kann ich Ihnen an dieser Stelle nur raten: Nutzen Sie diese Chance! Mit Hilfe der Qualifizierungsverbünde stehen Sie eng im Austausch mit Kollegen und werden in allen Fragen rund um Fortbildungsmöglichkeiten und Finanzierung bestens beraten.


Thorsten Würth

Thorsten Würth ist seit 2012 zuständig für die Bereiche Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung bei den Arbeitgebern Baden-Württemberg. Zuvor war er elf Jahre beim Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft Fachberater für Schulprojekte. Würth ist überzeugt, dass alle Potenziale gehoben werden müssen, damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem immer schneller werdenden Wandel erfolgreich begegnen.