100% Alphabetisierung? Weit gefehlt: Millionen Menschen können nicht richtig lesen und schreiben

Es gibt in Deutschland derzeit 6,2 Millionen funktionale Analphabeten. Für Baden-Württemberg wird die Zahl auf 1,1 Millionen geschätzt. Davon sind etwa 60 Prozent erwerbstätig! Diese Zahlen muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Alphabetisierung in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg steht mit diesen Zahlen exemplarisch für den Rest des Landes: In Deutschland üben laut der LEO-Studie 2018 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) 62,3 Prozent aller Betroffenen einen Beruf aus. Das sind 5,3 Prozent mehr als im Jahr 2010. Der berufliche Status sagt also erstaunlich wenig über die Lese- und Schreibkompetenz eines Erwachsenen aus...

FUNKTIONALE ANALPHABETEN

Funktionale Analphabeten können nicht richtig lesen und schreiben. Sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. 62,3 Prozent davon sind erwerbstätig, die Mehrheit sind Männer. Muttersprachler überwiegen mit einem Anteil von 58 Prozent.

GRUNDBILDUNGSDEFIZITE

Immer noch verlassen jährlich zu viele Schüler die Sekundarstufe I ohne ausreichende Grundbildung. Unternehmen beobachten seit Jahren, dass die in den Schulen erworbenen Qualifikationen in einigen Bereichen für eine duale Ausbildung nicht ausreichen, u.a. die schriftsprachlichen Kompetenzen, Rechtschreibung oder die schriftliche Ausdrucksfähigkeit.


Aber zurück zu den Millionen. Wie kann das sein, war mein erster Gedanke. Schließlich gibt es hierzulande eine Schulpflicht. So einfach kann und darf man es sich aber nicht machen. Viele Lehrkräfte klagen seit Jahren, dass sie es nicht schaffen die sich verschlechternde Lese- und Schreibkompetenzen ihrer Schüler neben dem eigentlichen Schulstoff zu beheben – und zum Beispiel auf mündliche Prüfungen ausweichen müssen. Demnach gäbe es natürlich systemische Verbesserungsmöglichkeiten, zum Beispiel in Form von individuellen und intensiveren Betreuungsmöglichkeiten.

Analphabetismus im Unternehmen: Wie gut kennen Sie Ihre Mitarbeiter?

Dass funktionale Analphabeten aber auch später im Job nicht auffallen müssen, liegt daran, dass sie äußerst kreativ darin sind, ihre mangelnden Fähigkeiten zu verbergen. Einige Beispiele, die mir bekannt sind: Man bittet bei der Auftragsannahme einfach den Kollegen diesen zu lesen, weil man die Brille vergessen hat, oder man möchte mit schmutzigen Händen gerade den Auftragsschein nicht anfassen... In der Kantine bestellen Betroffene oft einfach ein Wasser – das gibt es nämlich immer – oder fragen den Kollegen, was er isst, weil man sich heute einfach nicht entscheiden könne, und dann bestellt man das Gleiche.

Dass es diese hohe Zahl an Beschäftigten mit mangelnden Grundbildungskompetenzen gibt, liegt auch daran, dass die meisten Unternehmen diese bei Bewerbungsgesprächen oder Einstellungstests nicht abprüfen. Das bestätigt auch eine Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft aus 2015.

Allerdings sollte man sich einmal die Frage stellen, welche Auswirkungen Mitarbeiter auf die betriebliche Sicherheit haben, wenn sie beispielsweise keine Gefahrenhinweise lesen können...

Grundbildung = Alphabetisierung 2.0

Hat man diesen Aspekt nicht auf dem Schirm, mag man sich denken: Bei den einfachen Arbeiten, denen ein Großteil der funktionalen Analphabeten nachgeht, bedarf es in der Regel keiner besonderen Lese- und Schreibkompetenz. Doch auch hier könnte man falscher nicht liegen!

Mittlerweile können sich Unternehmen keine Mitarbeiter mehr leisten, die bis zur Rente nur die eine erlernte Tätigkeit ausüben können. Die Anforderung an die gesamte Belegschaft sich kontinuierlich fortzubilden steht vor allem seit Themen wie Digitalisierung und Fachkräftemangel ganz oben auf der unternehmerischen Agenda, und wird – davon bin ich fest überzeugt – auch dort bleiben.

Grundbildungsmaßnahmen in Unternehmen

Damit avanciert eine ausreichende Lese- und Schreibkompetenz also zum Grundpfeiler zukünftigen wirtschaftlichen Erfolgs. Der andere heißt: „Grundbildung“. Denn Grundbildung schließt weitere unerlässliche Qualifikationen für das lebenslange Lernen mit ein, zum Beispiel soziale und persönliche Kompetenzen, den Umgang mit Technologien, die Fähigkeit und Bereitschaft zum selbstständigen Lernen, aber auch grundlegende Englischkenntnisse.

Halten wir also an dieser Stelle fest: Lange hat das Thema Alphabetisierung zwar kleinere, aber keine wirklich großen Wellen geschlagen. Doch wenn ein Thema plötzlich politisch und gesellschaftlich relevanter wird, ändert sich dies schlagartig und es stehen Fragen im Raum wie: Wie bringen wir Millionen funktionaler Analphabeten zurück auf die Schulbank? Wie bringen wir sie in eine gesicherte berufliche Zukunft für eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft?

Praxisbezogen und eng mit dem beruflichen Kontext verknüpft – die Ziele der AlphaDekade (2016-2026)

Lösungen möchte die 2016 ausgerufene, nationale „AlphaDekade“ bieten: Bis 2026 sollen Deutschlandweit Angebote für Alphabetisierung und Grundbildung als feste Bestandteile im Weiterbildungssystem verankert werden. Zwar gab es in der Vergangenheit schon ähnliche Vorhaben, doch im Rahmen der aktuellen Dekade sollen diese noch praxisbezogener und eng mit dem beruflichen Kontext verknüpft werden.

Und hier kommen wir ins Spiel: Mit dem Projekt „AlphaGrund“ sind wir, die Arbeitgeber Baden-Württemberg und das Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft mit weiteren Partnern, bereits seit 2015 Ansprechpartner für Unternehmen und Arbeitgeberverbände, um gezielt die Grundbildung von Geringqualifizierten – und zu dieser Gruppe gehören auch überwiegend die funktionalen Analphabeten – zu fördern. Seit Ende 2017 sind wir im Rahmen der AlphaDekade Teil des baden-württembergischen „Landesbeirat für Alphabetisierung und Grundbildung“ und können dadurch auf ein noch breiteres Netzwerk zugreifen.

Angebote für Alphabetisierung und Grundbildung

Alphabetisierung und Grundbildung am Arbeitsplatz – hier erhalten Sie konkrete Unterstützung

Die Abkürzung „AlphaGrund“ steht übrigens für „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ und wir

  • sensibilisieren in diesem Kontext für das Thema „Berufsbezogene Grundbildung“,
  • sind zentraler Ansprechpartner bei der Vermittlung von Grundbildungs- und Unterstützungsangeboten und
  • koordinieren Kontakte zwischen Unternehmen und bestehenden Grundbildungsprojekten und Netzwerken.

Hierfür entwickeln wir verschiedene Veranstaltungsformate:

  • Informationsveranstaltungen für Personal- und Ausbildungsverantwortliche mit Best-Practice-Beispielen.
  • Workshop-Angebote zur Sensibilisierung von Führungskräften.
  • Inhouse-Schulungen zur arbeitsplatzorientierten Grundbildung.
  • Individuelle Begleitung und Unterstützung bei der Einführung von bedarfsgerechten Weiterbildungsmaßnahmen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein zwölfköpfiger Familienbetrieb aus Mannheim beschäftigte seit vielen Jahren einen Mitarbeiter mit mangelnder Grundbildung, aber hohem praktischen Erfahrungswissen. Seine Schwierigkeiten beim Lesen und Ausfüllen von Arbeitsaufträgen oder dem Berechnen von Materialmengen wurde lange Zeit durch Kollegen kompensiert. Effizienz geht aber leider anders. Also entschlossen sich Inhaber und Mitarbeiter für gezielte Schulungen – mit Vokabular, das bereits für die Arbeit relevant ist, und praxisnahen Rechenaufgaben. Heute kann der Mitarbeiter selbständig Aufträge entgegen nehmen und fehlerlos bearbeiten. Weitere Beispiele aus der Praxis finden Sie hier.

Der Weg zu einem Erfolg wie diesem basiert in erster Linie auf der Aufmerksamkeit des Arbeitgebers, der sich fragen muss: Kenne ich meine Mitarbeiter, kenne ich ihre Fähigkeiten und schaffe ich es

  1. ein Klima zu schaffen, in dem sie sich trauen, ihre Mankos zu offenbaren und
  2. Weiterbildungen anzubieten, die diese Mängel dauerhaft beheben.

Hier möchte ich Sie als Arbeitgeber dazu aufrufen: Melden Sie sich! Wir sind Ihr erfahrener Partner wenn Sir Ihre Mitarbeiter schulen und Ihr Unternehmen langfristig auf Kurs halten wollen. Also packen wir es an – es lohnt sich.


Thorsten Würth

Thorsten Würth ist seit 2012 zuständig für die Bereiche Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung bei den Arbeitgebern Baden-Württemberg. Zuvor war er elf Jahre beim Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft Fachberater für Schulprojekte. Würth ist überzeugt, dass alle Potenziale gehoben werden müssen, damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem immer schneller werdenden Wandel erfolgreich begegnen.