Psychische Gesundheit

Die psychische Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab. Es ist falsch, hierfür allein die Arbeitswelt verantwortlich zu machen. Ebenso haben genetische Veranlagungen, traumatische Erlebnisse und vor allem das soziale und familiäre Umfeld einen starken Einfluss auf die psychische Gesundheit der Beschäftigten. Außerdem belegen wissenschaftliche Studien: Psychische Erkrankungen haben nicht zugenommen, sie werden nur besser diagnostiziert und behandelt.

Die Arbeitgeber Baden-Württemberg lehnen daher sämtliche gesetzliche Vorhaben wie die Anti-Stress-Verordnung (Verordnung zum Schutz vor Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit) ab. Hier wird suggeriert, man könne Stress gesetzlich verbieten. Tatsächlich wird aber lediglich die Leistungsfähigkeit der Betriebe im internationalen Wettbewerb eingeschränkt. Bereits heute bestehen in ausreichendem Umfang Gesetze, Verordnungen und Regelungen, wie z. B. das Arbeitsschutzgesetz, die Arbeitsstättenverordnung oder die Leitlinien der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) zur Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz.

Psychische Belastung am Arbeitsplatz? Ursache und Wirkung beachten!

Psychische Erkrankungen beeinflussen den Alltag. Somit werden sie auch in der Arbeitswelt sichtbar. Das heißt jedoch nicht, dass damit die 'vermeintlich schlechten' Arbeitsbedingungen der Grund für diese Erkrankungen sind. Die Ursachen liegen zunehmend im persönlichen Umfeld und auch das eigene Verhalten kann ein Auslöser für eine psychische Erkrankung sein.

So zeigt der Fehlzeiten-Report 2017 des AOK-Instituts, dass kritische Ereignisse, wie z.B. belastende Konflikte im privaten Umfeld, Trennungen und finanzielle Probleme bei jedem Zweiten Teil des Lebenslaufs sind und mit dem Alter zunehmen.  Diese Ereignisse haben einen bedeutenden Einfluss auf das individuelle Gesundheitsgefühl und die eigene Leistungsfähigkeit. Hier gilt: Ursache und Wirkung nicht verwechseln.

Die fünf wichtigsten Einzeldiagnosen bei psychischen Erkrankungen.

Die fünf wichtigsten Einzeldiagnosen bei psychischen Erkrankungen.

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Psychische Erkrankungen: Diagnoseverhalten anders, Versorgungslücke hoch

Den Ergebnissen des DAK Psychoreports 2015 zufolge haben Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen noch nie so viele Fehltage verursacht wie im Jahr 2014. Das heißt jedoch nicht, dass diese Erkrankungen nur arbeitsbedingte Ursachen hatten. Vielmehr gehen heute Ärzte und Patienten offener mit psychischen Problemen um, weshalb sich das Diagnoseverhalten geändert hat. Obwohl die Fehltage und Frühverrentungen angestiegen sind, blieb die tatsächliche Prävalenz  der psychischen Erkrankungen nach Aussagen des Chefarztes des Zentrums für seelische Gesundheit in der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg in den letzten 15 Jahren eher konstant. Der DAK-Gesundheitsreport 2017 zeigt, dass bei den psychischen Erkrankungen seit 2005 ein Rückgang der Fallhäufigkeit zu verzeichnen ist. Die Grafik zeigt die fünf wichtigsten Einzeldiagnosen bei psychischen Erkrankungen.  An erster Stelle stehen depressive Erkrankungen (Depressionen).

Während die Zusatzdiagnose Burnout in den Jahren 2011 und 2012 vergleichsweise oft vergeben wurde, gibt es danach eine Wende. Es wird vermutet, dass Burnout weniger als Krankheit gesehen wird, als ein Risikozustand.

Der DAK zufolge hat sich die Steigerungsrate insbesondere in einem Versorgungsproblem manifestiert. Betroffene müssen zum Teil extrem lang auf Unterstützung oder einen Therapieplatz warten. Oft ist eine Therapie dann gar nicht zielgerichtet in Bezug auf die jeweilige Ausprägung der Erkrankung.

Diese Versorgungslücke ist mitverantwortlich für die vielen Ausfalltage. Wer in Deutschland einen Therapieplatz sucht, wartet laut DAK im Schnitt bis zu einem halben Jahr lang.  Die Arbeitgeber Baden-Württemberg fordern daher mehr zielgerichtete Versorgung.

Mentale Gesundheit positiv

Im Mittelpunkt einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2011/2012 stand die mentale Gesundheit. Sie wurde bei 4.511 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 31 und 60 Jahren aufgrund des Wandels in der Arbeitswelt analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass sich eine große Mehrheit der Erwerbsbevölkerung wohl fühlen. 87 Prozent der Frauen und 88 Prozent der Männer empfinden ein ausgeprägtes emotionales Wohlbefinden.

Günstig für die mentale Gesundheit sind arbeitsbezogene Ressourcen, wie gute Führung, soziale Unterstützung durch Kollegen oder große Handlungsspielräume. Negativ für die mentale Gesundheit können zu hohe Arbeitsanforderungen sein.

Allerdings fehlen für viele arbeitsbezogene Faktoren die linearen Zusammenhänge mit den Indikatoren der mentalen Gesundheit. Es besteht noch ein erheblicher Forschungsbedarf.

Berufstätige leiden seltener an psychischen Erkrankungen als Arbeitslose.

Krankenstandsquoten: Berufstätige leiden seltener an psychischen Erkrankungen als Arbeitslose.

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Arbeit wirkt positiv auf psychische Gesundheit

Studien belegen: Berufstätige Menschen leiden seltener an psychischen Erkrankungen als arbeitslose Menschen (vgl. Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes aus 2010). Denn Berufstätigkeit schafft Sicherheit, Selbstvertrauen und Anerkennung und auch eine bessere materielle Versorgung.

Dennoch ist klar, dass nicht jede Beschäftigung gut ist, was Studien ebenfalls belegen. Sollten also arbeitsbedingte psychische Erkrankungen auftreten, sind alle Akteure im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes gefordert. Hier müssen Unternehmen, Betriebsräte, Forschung und Gesundheitswesen zusammen arbeiten. Auch Eigenverantwortung der Beschäftigten ist gefragt: Jeder kann dazu beitragen, seine psychische Gesundheit zu erhalten und zu stärken.

Wirtschaft engagiert bei Gesundheitsmanagement

Die Maßnahmen zur freiwilligen betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) und die gesetzlichen Verpflichtungen werden unter dem betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) zusammengefasst. BGM möchte die Arbeit, Organisation, aber auch das Verhalten der Mitarbeiter gesundheitsfördernd gestalten. Dazu ist die Analyse der betrieblichen Rahmenbedingungen, aber auch die Entwicklung von Strukturen und Prozessen notwendig.

Die Unternehmen sind nicht nur bei den gesetzlichen Verpflichtungen zum Arbeitsschutz (AS) und zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) aktiv. Um die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu erhalten, bieten sie eine Vielzahl von Maßnahmen zur freiwilligen betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) an.

Um die psychische Gesundheit zu fördern, beziehen die Gesundheitsprogramme auch präventive Maßnahmen ein. Dazu zählen beispielsweise Schulungen zum Zeit-, Stress- und Selbstmanagement sowie Maßnahmen zur Vereinbarung von Familie und Beruf.

Das BMAS, die BDA und der DGB haben sich im September 2013 auf ein Grundverständnis zum Umgang mit psychischer Belastung in der Arbeitswelt geeinigt und dieses in einer „Gemeinsamen Erklärung zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt“ festgehalten.

Hier haben die Sozialpartner vereinbart, gemeinsam die Umsetzung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in Unternehmen und Verwaltungen zu fördern. Sie setzen sich ein für eine flächendeckende betriebliche Gefährdungsbeurteilung im Hinblick auf physische und psychische Belastung, in den Selbstverwaltungsgremien für eine bessere Zusammenarbeit der Sozialversicherungsträger untereinander sowie für eine Zusammenarbeit mit den Unternehmen, um die Versorgung psychisch erkrankter Menschen zu verbessern.

Die Gefährdungsbeurteilung ist im Arbeitsschutzgesetz verpflichtend vorgeschrieben. Sie dient der Analyse der Arbeitsbedingungen, um letztendlich die Arbeit im Hinblick auf die psychische Belastung zu steuern.