Digitalisierung braucht Tarifverträge

Auch in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt ist die branchenspezifische Ordnung der Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge weiter notwendig. Denn Digitalisierung bedeutet nicht automatisch eine branchenübergreifende Vereinheitlichung von Arbeitsbedingungen.

Auch im digitalen Zeitalter kann es beispielsweise in einer Branche wie dem Einzelhandel von besonderer Bedeutung sein, ein Augenmerk auf dem Samstag als Arbeitstag zu legen, während in einer Branche wie dem Landschafts- und Gartenbau tarifliche Regelungen zu witterungsbedingten Arbeitsausfällen eine besondere Bedeutung haben können. Und selbst in ein und demselben Betrieb wird sich Digitalisierung auf unterschiedlichen Arbeitsplätzen unterschiedlich auswirken. In der Entwicklung werden andere Veränderungen eintreten als in der Produktion, im Service andere als im Verkauf.

Passende Rahmenbedingungen kann hier kein Gesetz liefern. Ein Durchstellen aller Regelungsbedarfe an die Betriebsparteien würde jedoch ein Konfliktpotential bewirken, das durch das bewährte Modell der Aushandlung kollektiver Rahmenbedingungen auf tariflicher Ebene verhindert wird.

Die Digitalisierung stellt einerseits die Tarifvertragsparteien aller betroffenen Branchen vor die Aufgabe, Tarifregelungen zu hinterfragen, die häufig aus einer „vordigitalen“ Zeit stammen.

Andererseits müssen sie sich Gedanken über neue Regelungen machen. Denn digitale Technologien und Anwendungen machen es beispielsweise möglich, den Ort der Arbeit, die Dauer und ihre Lage flexibler zu gestalten.

Das kann vorteilhaft für Arbeitnehmer sein, weil sie Familie und Beruf besser vereinbaren können und auch für Arbeitgeber, die von effizient und produktiv genutzten Arbeitszeiten profitieren können und die durch attraktive Arbeitszeitmodelle mit höheren Freiheitsgraden für die Beschäftigten Fachkräfte an sich binden können.

Die Tarifpartner werden Antworten auf eine Reihe damit einhergehenden Fragen finden müssen, beispielsweise:

  • Sollte es tarifliche Regelungen geben, die die Rahmenbedingungen für mobiles Arbeiten verbindlich vorgeben?
  • Welche Bedeutung hat die Anknüpfung der Vergütung an geleistete Arbeitszeit in der Zukunft?
  • Wie wirkt sich die Möglichkeit, die Lage der Arbeit selbst zu bestimmen, auf etwaige Zuschläge aus?
  • Ist es infolge des steigenden Qualifizierungsbedarfs erforderlich, das Themenfeld der beruflichen Qualifizierung durch einen Tarifvertrag zu ordnen?
  • In welchen Bereichen ist es geboten, von gesetzlichen Öffnungsklauseln Gebrauch zu machen und abweichende Tarifregelungen zu vereinbaren?
  • Welche Instrumente werden benötigt, um Flexibilitäts- und Volumenverluste, die mehr Freiheitsgrade für Beschäftigte mit sich bringen können, zu kompensieren?

Und innerhalb der jeweiligen Themenfelder wird es stets erforderlich sein, zu hinterfragen, wo ein betriebsübergreifender, für die Branche geltender Standard durch einen Tarifvertrag zu setzen ist, oder ob stattdessen den Betriebsparteien durch den Tarifvertrag die Aufgabe zugewiesen wird, den Ordnungsrahmen auf betrieblicher Ebene passgenau zuzuschneiden.