Flüchtlingsgipfel: Arbeitgeber Baden-Württemberg schlagen Maßnahmenkatalog für schnellere berufliche Integration vor

Erstellt am: 07/27/2015

Dick: „Sogenannter ‚Spurwechsel‘ kann qualifizierten und motivierten Flüchtlingen neue Bleibeperspektive eröffnen“

STUTTGART – Anlässlich des Flüchtlingsgipfels haben die Arbeitgeber Baden-Württemberg ein Maßnahmenpaket vorgeschlagen, das eine bessere und schnellere Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen in Ausbildung und Beschäftigung ermöglichen soll. „Die beste Grundlage für eine gelingende gesellschaftliche Integration ist die schnelle Integration in das Beschäftigungssystem“, sagte Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber Baden-Württemberg, am Montag in Stuttgart: „Wir sehen in der starken Zunahme der Zahl der Flüchtlinge nicht nur eine humanitäre Herausforderung, sondern im Hinblick auf den demografischen Wandel und die Fachkräftesicherung in unserem Land auch eine große Chance. Diese müssen wir nutzen. Besondere Bedeutung messe ich dabei der Idee des ‚Spurwechsels‘ bei, der dazu beitragen könnte, dass qualifizierten und motivierten Menschen, die aus unterschiedlichsten Motiven zu uns kommen, eine andere Bleibeperspektive eröffnet wird als nur der – oftmals aussichtslose – Asylantrag.“

Der Maßnahmenkatalog der Arbeitgeber definiert sechs Handlungsfelder:

1. Kompetenzfeststellung:

  • frühzeitiges Erfassen von Sprachkenntnissen, Berufsabschlüssen, Berufserfahrung etc., unter Nutzung der ersten drei Monate, in denen Asylbewerber und Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen;
  • frühzeitige Möglichkeiten zum „Probearbeiten“; hierfür mehr Rechtssicherheit für Betriebe bei dem Angebot von Praktikumsplätzen erforderlich (Aufenthaltsrecht, Vorrangprüfung, Mindestlohn);

2. Sprachförderung:

  • Finanzierung von Sprachkursen langfristig sicherstellen;
  • Auch anerkannte Flüchtlinge und Geduldete sollen von Integrationskursen profitieren (momentan nicht der Fall);

3. Anerkennung von Qualifikationen und Berufsabschlüssen:

  • Sicherstellen, dass Anerkennungsverfahren auch angewandt werden können, wenn keinerlei schriftliche Kompetenznachweise mehr vorhanden sind (z.B. durch Praktika und „Arbeitsgelegenheiten“);
  • ggf. Förderung von Personen im Anerkennungsverfahren (Darlehen, Stipendium); Beschleunigung der Verfahren;

4. (Nach-)Qualifizierung und Weiterbildung:

  • Klärung möglicher finanzieller Unterstützung, wenn für Anerkennung eines Berufsabschlusses eine Anpassungsqualifizierung erforderlich wird;
  • stärkeres Bekanntmachen und Nutzen bereits bestehender Konzepte, z.B. der modularen Teil- und Nachqualifizierung;

5. Aufenthaltsrecht/Arbeitserlaubnis:

  • Möglichkeit zum „Spurwechsel“ schaffen: Wechsel aus Asylverfahren in arbeitsmarktorientiertes Zuwanderungsverfahren ermöglichen (z.B. bei Beschäftigung in Mangelberufen oder über „Blue-Card“);
  • Deutliche Verkürzung der sogenannten Vorrangprüfung von derzeit 15 Monaten bei Aufnahme Praktikum, Ausbildung oder Job (Praktikum am besten ganz ohne Vorrangprüfung);
  • Beschleunigung der Asylverfahren (Zielgröße drei Monate);

6. Ausbildung/Studium:

  • Gesichertes Bleiberecht (Abschiebeverzicht) für Geduldete in Ausbildung/Studium – und anschließend zwei Jahre für Jobsuche; Anhebung der Altersgrenze von derzeit 21 Jahren;
  • frühzeitigere Nutzung von Fördermöglichkeiten im Rahmen von Ausbildung und Studium auch für Flüchtlinge und Geduldete ermöglichen (heute Förderung z.T. erst nach vier Jahren Aufenthalt in Deutschland);
  • Nutzung der Potenziale hochqualifizierter Flüchtlinge/Asylbewerber (z.B. abgelehnte Bewerber bei Stipendienprogramm des Landes).

„Aus unserer Sicht wurden in den letzten Monaten die ersten richtigen Signale gesetzt“, sagte Dick. Als Beispiele nannte er die Anerkennungsverfahren für im Ausland erworbene Kompetenzen und Abschlüsse, die finanzielle Förderung des Sprachunterrichts für Asylbewerber und Flüchtlinge durch das Land, der verbesserte – wenn auch nicht ausreichende – Abschiebeschutz für Geduldete in Ausbildung, die inzwischen flächendeckende Unterstützung berufsvorbereitender Maßnahmen oder das Stipendienprogramm des Landes für syrische Flüchtlinge. „Nun müssen wir aber weitere mutige Schritte machen und Hindernisse beseitigen, die heute noch die schnelle Integration von motivierten und oftmals gut qualifizierten Flüchtlingen und Geduldeten verhindert“, sagte Dick.